Sabine Herrmann

Altarverhüllung in St. Johannes Nepomuk, Chemnitz
22. Februar – 9. April 2023

Zeuginnen ohne Text – Landschaft. Paradoxon. Palimpsest.

Die Propsteikirche St. Johannes Nepomuk – Domizil der ältesten bestehenden katholischen Gemeinde in Chemnitz – wurde von 1953 bis 1955 nach einem Entwurf des Architekten Willy Schönefeld (1885–1963) errichtet. Eindrucksvoll kontrastiert im Innern das Weiß der Wände mit dem gemaserten Graurot der Säulen, Bögen und der Mensa – gefertigt aus dem in der Region gewonnenen Porphyrtuff. Im Altarraum erhebt sich für gewöhnlich der auferstandene Christus über dem Tabernakel. Die Skulptur aus weißem Sandstein des Bildhauers Maximilian Stark (1922–1998) balanciert wie ein Artist auf der Erdkugel und hebt segnend die Arme und – auch mahnend? – den rechten Zeigefinger. Während der 40-tägigen Fastenzeit vom 22. Februar bis 8. April 2023 – und wiederholt 2024 und 2025 –  wird die Christusfigur hinter Zeuginnen ohne Text verschwinden, so der Titel der großformatigen Papierarbeit der Künstlerin Sabine Herrmann. Ihre zeitgenössische Interpretation des mittelalterlichen Fastentuchs knüpft thematisch an die Passionszeit an und schlägt zugleich eine weitere Perspektive auf die Geschichte vor.

Anmutig schwebt das papierne Tuch im Altarraum und suggeriert zugleich marmorne Schwere. In ihm trifft sich das Dunkle mit dem Licht, das Unsagbare mit dem Verschwiegenen, das Bild mit der Schrift, eine imaginäre Landschaft im Unendlichen. Eigens für den Anlass entworfen und im Berliner Atelier mit in Acryl gelösten Pigmenten, mit Bürsten und Tüchern, Kreiden und Bleistiften geschaffen, wird man der für Sabine Herrmanns Werk typischen ausholenden Pinselschwünge, Lasierungen und Auswaschungen gewahr. Schicht für Schicht komponiert die Künstlerin im mal sanften, mal energischen Gestus mit sorgsam ausgewählten Farbtönen und ihren Verläufen, durch vage und konkrete Formen ein Bild, das den formalen wie inhaltlichen Dialog mit dem Raum der Kirche sucht.

Den unteren Bildteil, die Maße der Mensa aufnehmend, dominiert in Referenz an den Porphyr eine dunkelrötliche Farbgebung in einer nahezu schroffen, harten Struktur und ruft vielfältige Assoziationen auf: Gebirge, Gestein, Vulkan, Asche, Fleisch, ja, auch Blut … Über dieser erdigen, geerdeten Tiefe wird der Duktus weicher, fließender, offener und geht über in eine Landschaft aus Graublau und Weißtönen – es erfolgt die Passage ins Helle, ins Licht.  

Diesem malerischen Narrativ fügte die Künstlerin eine weitere Erzählebene hinzu. Mit linker und rechter Hand, mit Bleistift und Kreide, mit Verunsicherung und Bestimmtheit, verleibte sie der Landschaft Textfragmente ein – schrieb, radierte aus, überschrieb, wischte weg, schrieb erneut. Diese lesbaren, unleserlichen, unlesbaren, leserlichen, verschwundenen und präsenten Schreibgesten weisen über das Semantische hinaus und werden als Bildelemente zum Konstituens der Landschaft und der Geschichte. Herrmanns skripturales Gewebe verfolgt Spuren, weist Pfade, legt mentale Zustände und schriftliche Zeugnisse offen.

Zeugnisse von wem und über oder für wen? Manchen werden lesbare Passagen bekannt sein, wie etwa die verschieden übersetzte Prophezeiung von Simeon an Maria aus dem Lukas-Evangelium: „Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.“ Unter Verwendung von Zitaten aus der „sparsam beschriebenen (Leidens-)Geschichte der Mutter des gequälten und gekreuzigten Gottessohnes und der anderen bei der Kreuzigung anwesenden Frauen“ (Herrmann) versucht die Künstlerin eine ergänzende, abwesende Erzählung der Passionsgeschichte ins Bild zu rücken. Sie kann dabei nur auf kanonische Texte zurückgreifen, die an und über, aber nicht von den Zeuginnen dieser traumatisierenden Ereignisse überliefert sind. Herrmann verleiht den Frauenfiguren – etwa Maria Magdalena, „Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten des Herodes, Susanna und viele andere“ – durch ihre künstlerische Sprache eine eigene Stimme und Gestalt. 

In der Zusammenschau mit dem Titel der Arbeit gelingt es ihr, uns mit dem Mittel der Paradoxie daran zu erinnern, welch unter- oder nebengeordnete Rolle den Frauen in einer fest verfügten, männlich dominierten – auch biblischen – Geschichtsschreibung zukommt. Indem das Schrift-Bild von Sabine Herrmann für 40 Tage die Figur des auferstandenen Christus verhüllt, enthüllt es eine „universelle Leidensgeschichte, die nicht nur in der Passionszeit hochaktuell ist“. Die Arbeit Zeuginnen ohne Text ist in ihrer Vielschichtigkeit ein fortzuschreibendes Palimpsest. Die Überlagerungen, Auswaschungen, Überschreibungen, Tilgungen, in denen Ungesagtes durchschimmert, zwischen den Texten weitere Texte erscheinen, zwischen den Aussagen Fragen auftauchen, formen eine unabgeschlossene Landschaft von geistiger und materialer Tiefe.

Die poetisch-abstrakte Formensprache, das Spiel mit Farbklängen und die Kombination mit skripturalen Elementen sind markant für Sabine Herrmanns aktuelles künstlerisches Ausdrucksspektrum. Inhaltlich knüpft Zeuginnen ohne Text an Werke wie hommage, ongoing dialogue, collective (2012) oder noli me tangere (Kraut-Kapelle der Berliner Nikolaikirche, Stadtmuseum, 2021) an, in denen sie in Dialoge mit Zeitgenossinnen oder historischen Frauenfiguren tritt.
Paula Anke Boettcher

Sabine Herrmann geboren 1961 in Meißen, studierte Malerei von 1981 bis 1986 an der HfBK Dresden und an der Kunsthochschule Berlin, sowie 1991 an der École Nationale Supérieure d’Arts de la Villa Arson in Nizza. Ihre Werke wurden in zahlreichen institutionellen Einzelausstellungen, u. a. im Mazowiecki Instytut Kultury – Galeria Test Warszawa, im KW Institut for Contemporary Art Berlin, im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst Cottbus und im Zentrum für aktuelle Kunst Berlin gezeigt. Mit ihren Arbeiten war sie an vielen thematischen Ausstellungen beteiligt, beispielsweise im La Villette Paris, im Neuen Museum Weimar, im Bundeskanzleramt Berlin, im Museum-Barberini Potsdam und im Museum der bildenden Künste Leipzig. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
www.sabine-herrmann.eu