Michael Morgner

Altarverhüllung im Freiberger Dom
22. Februar – 9. April 2023

„Ecce homo“, „Siehe, der Mensch!“ – der Ausruf im Johannesevangelium könnte das Lebensmotto für die Kunst Michael Morgners sein. Der gebeugte, geschundene, schutzsuchende, der aufrechte, stolze, selbstbewusste und der aufsteigende, über sich hinauswachsende Mensch – dafür hat der 1942 in Chemnitz geborene Michael Morgner markante, abstrahierte Formen gefunden, die in vielen seiner Werke auftauchen. Auch in dem Fastentuch, das in der Passionszeit 2023, von Aschermittwoch bis Ostern, den Altar des Freiberger Doms St. Marien verhüllt. 

Die hellen und dunklen, erdigen Braun- und Ockerfarben des aus knapp 60 hauchdünnen Seidenpapierblättern zusammengefügten Bildes korrespondieren mit den Farben des Steins im Dom, obwohl Michael Morgner vor drei oder vier Jahren, als er die sich nun sanft im großen Kirchenraum bewegenden Blätter bedruckte, nicht wusste, an welchem Ort und ob sie überhaupt einmal irgendwo hängen werden. „Vielleicht“, sagt der Künstler, „liegt es daran, dass ich aus der Gegend komme. Chemnitz, Erzgebirge, das ist mir nahe.“ So erklärt sich vielleicht eine unbewusste Affinität zur Architektur und zu den Farben des Doms. Die einzelnen Blätter sind in Morgners ganz eigener Technik mit dunkler Lackfarbe bedruckt – von fast unsichtbar dort, wo das Papier die mit Farbe bestrichene Druckplatte mit der Symbolform des aufrechten Menschen kaum berührt, nur gestreichelt hat, bis kräftig erdig braun dort, wo Farbe und Papier heftig in Berührung kamen. So oszilliert auch die menschliche Figur zwischen Auftauchen und Verschwinden. Zudem nehmen die Blätter die Knitter des Papiers wie Narben des Lebens auf.  Anschließend hat der Künstler die Papiere so zusammengefügt, dass sich ein Farbverlauf vom Dunklen unten ins Helle nach oben ergibt – einer Auferstehung gleich, die den Menschen sowohl erinnernd für die Erde bewahrt wie auch in der Weite des Himmels aufgehen lässt. 

Die christliche Symbolik ist Michael Morgner nicht fremd, obwohl er sich selbst gar nicht als religiös bezeichnet. Aber eine Skulptur von Peter Breuer im Freiberger Stadt- und Bergbaumuseum, der „Schmerzensmann“ oder auch „Christus auf der Rast“ mit dem geschundenen Rücken des Jesus, habe ihn als Jugendlicher so sehr beeindruckt, dass er ihm prägend für sein gesamtes Werk erscheint. Dieser gepeinigte Rücken finde sich bei ihm auf jedem Blatt, sagt Morgner. Er steht sinnbildlich für die Erfahrungen der Unfreiheit in der DDR, als Morgner mit der oppositionellen, unangepassten Künstlergruppe und Produzentengalerie Clara Mosch (gemeinsam mit Carlfriedrich Claus, Dagmar Ranft-Schinke, Thomas Ranft und Gregor Torsten Schade, heute Kozik) nicht nur bekannt wurde, sondern auch ins Visier der Staatssicherheit geriet. Seine Figuren stehen aber auch für Leidensfähigkeit und Widerstand, die Kraft und die Fähigkeit des Menschen, menschlich zu sein. 

Michael Morgners „Fastentuch“ tritt damit sanft wehend vor dem reich verzierten Altar des Doms in einen spannenden Dialog mit der gotischen Kunst des Freiberger Doms, die die Menschen in ihrem irdischen Ringen ebenso darstellt wie biblische Szenen um das Leben und Sterben Jesu. Indem das Fastentuch den Altar, das Zentrum der Kirche, verhüllt, in der Passionszeit unsichtbar macht, lenkt es den Blick der Menschen auf sich selbst und ihr eigenes Verhältnis zu Gott und der Welt. 

Da im Dom wegen der hohen Energiekosten bis Palmsonntag nur dienstags und mittwochs kurze Andachten, die Sonntagsgottesdienste stattdessen in der Annenkapelle stattfinden, wird in der Kapelle Michael Morgners Bronzeguss „Kreuz mit Reliquie und Mensch“, eine Leihgabe aus der Kunstsammlung der Stiftung St. Matthäus, Kulturstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), zu sehen sein und auf die Altarverhüllung im Dom hinweisen. 

Die Altarverhüllung im Freiberger Dom ist Teil des Purple Path um und in Chemnitz als Kulturhauptstadt Europas 2025, ebenso eine weitere Altarverhüllung in der Passionszeit 2023 in der Propsteikirche St. Johannes Nepomuk in Chemnitz, die die Berliner Künstlerin Sabine Herrmann realisiert. Bis 2025 sind weitere Altarverhüllungen geplant. 
Matthias Zwarg

Michael Morgner geboren 1942 in Chemnitz, studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Er war 1977 Mitbegründer der Künstlergruppe und Produzentengalerie Clara Mosch, die bis 1982 existierte. Seit 1982 entstanden serielle Arbeiten, 1984 erste Arbeiten zum Ecce-Homo-Zyklus, Totentanz-Darstellungen sowie seit 1988 Arbeiten zum Thema Requiem. 2012 erhielt Morgner den Gerhard-Altenbourg-Preis und 2018 den Schmidt-Rottluff-Kunstpreis. Der Künstler kann auf zahlreiche Ausstellungen verweisen, wie z. B. 2012 im Sprengel Museum Hannover, 2017 im Kunstmuseum  Ahrenshoop und 2022 in den Kunstsammlungen Chemnitz. Morgner lebt und arbeitet in Einsiedel bei Chemnitz.
www.morgnerarchiv.de


Probeaufhängung im Freiberger Dom St.Marien

Bericht mdr, 11.1.2023, Freie Presse, 17.1.2023